Prof. Dr. Christian Hopp

Was können wir von erfolgreichen Gründern lernen?

sir-richard-branson-with-ss-model-1667214118„Eine Firma gründen ist ein bisschen wie….Kochen“ findet Claus Meyer, Inhaber der Meyer Group und Mitinhaber von NOMA, das bereits dreimal zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde. Meyer beschreibt zwei unterschiedliche Vorgehensweise: Entweder man beginnt mit einem Rezept, kauft die Zutaten ein, folgt dem Rezept und erhält am Ende ein gutes, altbewährtes Gericht. Oder man schaut in den Kühlschrank, sieht was vorhanden ist, fängt an zu schneiden, zu probieren, zu verfeinern und das ergibt ebenfalls ein Gericht, mitunter aber etwas vollkommen Neues, Unerwartetes, nie Dagewesenes, etwas das niemand vorhersehen konnte.

Saras Sarasvathy nennt diese letztere Form der Entscheidungsfindung und des Umgehens mit Unsicherheit „Effectuation“ und grenzt diese Form unternehmerischen Handels von kausaler Logik ab. Klassische kausale Logik verlässt sich auf Prognosen über eine unsichere, erwartete Zukunft. Gründer, die einer kausalen Logik folgen, gehen davon aus, dass man die Zukunft steuern kann; Ereignisse, die Eintreffen könnten liegen in der eigenen Verantwortung. Gründer, die einer Effectuation-Logik folgen akzeptieren, dass es nicht-steuerbare, unvorhersehbare Ereignisse gibt, die nicht beeinflussbar sind. Empirische Feldforschung zeigt, dass erfolgreiche Gründer wie Vinod Khosla, Richard Branson, Zhang Yin, oder eben Claus Meyer bei ihren erfolgreichen Gründungen Prinzipien dieses sogenannten Effectuation Ansatzes verwenden.

Dieser begründet sich auf vier folgenden Kernprinzipien:

1. Fokus auf Kompetenzen und Ressourcen
Am Anfang eines erfolgreichen Gründungs-Prozesses muss nicht immer eine brillante Geschäftsidee stehen. Der Ausgangspunkt vieler erfolgreicher Gründungen ist zuallererst die Person des Unternehmensgründers. Sein Wissen und sein Können determinieren die Handlungsoptionen. Die Fragen, die sich viele Gründer stellen sollten, sind: Wer bin ich, was kann ich und vor allem, was kann ich mit diesen Fähigkeiten eigentlich tun?

Fred Smith, Gründer von FedEx, organisierte die Logistik der US Air Force in Vietnam und bekam so das nötige Rüstzeug um die Idee des Overnight Shipping umzusetzen, auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt niemand in der Branche seine Idee vorstellen konnte. Er hatte das Hub-and-Spoke Prinzip vor Ort in Vietnam im Einsatz gesehen und war überzeugt davon, dass es mit Hilfe von Computern die weltweite Logistik um ein Vielfaches effizienter machen könnte und sollte am Ende Recht behalten.

2. Partnerschaften, die helfen können
Im zweiten Schritt steht das soziale Netzwerk. Wer kann mir helfen? Bei welchen Tätigkeiten? Zhang Yin reiste auf der Suche nach einer Geschäftsidee nach San Francisco, nicht weil sie dort im Silicon Valley nach Ideen Ausschau halten wollte, sondern weil San Francisco mit der größten Chinatown der Welt die günstigste Unterkunft und den schnellstmöglichen Anschloss bot, insbesondere weil sie kein Wort Englisch sprach. Am Ende importierte sie Altpapier aus den USA nach China, nutze dies dort zur Herstellung von Wellpappe für den boomenden chinesischen Exportsektor und wurde zur reichsten Frau Chinas.

3. Verkraftbare Verluste definieren
Ebenso stellen sich viele erfolgreiche Gründer häufig nicht die Frage, wie viel Geld sie möglicherweise verdienen könnten, sondern vielmehr wie viel sie bereit wären für ihren Traum zu investieren; wie viel sie sich leisten könnten zu verlieren.  Die Freitag-Tasche beispielsweise wurde aus ausrangierten LKW-Planen, Fahrradschläuchen,  Autogurten und neuerdings Airbags hergestellt. Mehr konnten sie die Gebrüder Freitag zum damaligen Zeitpunkt nicht leisten für die Herstellung ihrer Fahrradtaschen. Neue Produkte wurden erstmal mit minimalen Einsatz hergestellt. Insbesondere um Verluste zu begrenzen, sollten die Produkte keinen Abnehmer finden. Fehlendes Geld limitiert zwar auf den ersten Blick bei der Umsetzung von Ideen, macht aber auch erfinderisch und sichert mögliche Verluste nach unten ab.

4. Unsicherheit als Chance betrachten
Unsicherheit ist ein großer Teil des Gründungsprozesses und nicht steuerbar. Die Frage ist, wie gehe ich mit veränderten Rahmenbedingungen, was kann ich tun und verändern? Erfolgreiche Gründer akzeptieren zu einem gewissen Grad, dass es nicht-steuerbare, unvorhersehbare Ereignisse gibt, die der Gründer nicht durch sein eigenes Zutun beeinflussen kann. Gründer haben aber die Möglichkeit mit den geänderten Rahmenbedingungen zu arbeiten, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Zu gründen heißt immer auch, nicht-steuerbare Unsicherheiten zu akzeptieren und sich immer wieder neue Wege zu suchen. Oder wie es der amerikanische Rennfahrer Mario Andretti einmal formuliert hat: „If everything is under control, you are just not driving fast enough.“

Fazit
Unternehmerisches Handeln und Denken erfolgreicher Gründer weißt eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten auf. Es ist nicht allein eine Sache der Persönlichkeit, sondern lern- und lehrbar. Und es lässt sich auf eine Reihe von Branchen und Entscheidungssituationen übertragen.

Prof. Dr. Christian Hopp

Autor: Prof. Dr. Christian Hopp

Prof. Dr. Christian Hopp ist Inhaber des Lehrstuhls für Technologieorientiertes Unternehmertum an der RWTH Aachen. Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre mit Fragestellungen aus den Bereichen Venture Capital Finanzierung und Gründungsmanagement. Im Mittelpunkt steht dabei die empirische Analyse strategischer Unternehmensentscheidungen, insbesondere im Gründungsprozess und bei Gründungsentscheidungen.

7 Kommentare zu “Was können wir von erfolgreichen Gründern lernen?

  1. Es gibt in der Tat gewisse psychopathische Wesenszüge, die Hare in seiner Studie bei Managern herausarbeitet. Dies macht aber vor allem Gründer noch lange nicht zu sogenannten „Psychopathen“. Die Hare und die Erasmus Studie haben nämlich genau eines gemein: Die beiden Zeit Autoren haben sie gelesen. Für die Debatte finde ich es daher wichtig, hier klar zwischen Top-Managern und Gründern zu differenzieren.
    Ganz abgesehen davon, dass die vermutete Kausalität auch durchaus umgekehrt sein könnte: Kann nicht auch der übermäßige Erfolg Menschen wie Larry Ellison größenwahnsinnig werden lassen?

    Wenn man von Gründungen spricht, dann sollte man eine strikte Trennung von Idee und Umsetzung vornehmen: Für eine außerordentliche Erfindung ist es absolut hilfreich die Welt mit anderen Augen zu betrachten. “Discovery consists of looking at the same thing as everyone else and thinking something different” (Albert Szent-Gyorgyi). Für die Umsetzung der Idee bedarf es aber etwas mehr Fähigkeiten. Ed Lazear beschreibt den Gründer daher auch als „Tausendsassa“, Menschen die nicht nur kreativ sind, sondern ihre Idee auch in die Realität umsetzen können. Und von einer realisierten Gründung zu einem Top-Manager ist es schließlich auch noch ein langer Weg.

    Abschließend stellt sich mir noch die Frage: Was genau ist denn „normal“ und wann bezeichnen wir Menschen als „irre“? Ich halte es für gesellschaftlich und journalistisch sehr bedenklich, wie in dem erwähnten Artikel mit diesen Begrifflichkeiten umgegangen wird. Meines Erachtens wäre es wünschenswert, wenn wir Menschen mit besonderen Begabungen oder diejenigen mit ADHS, Legasthenie und Autismus nicht als „Irre“ oder „gestört“ bezeichnen würden.

  2. Sehr guter Blogbeitrag!

    Ich bin selber Unternehmer und man darf neben der tollen Idee und Planung das Wichtigste nicht vergessen darf. Handeln!
    Und mit Kunden, Liefernaten und Mitarbeiter kommunizieren. Es sind schon viele Projekte einfach daran gescheitert, dass die Idee, Dienstleistung oder Produkt nicht in den Markt hineingetragen wird.

    Es ist im Übrigen immens wichtig, aus Fehlern zu lernen und zu wachsen.

    Einer meiner Kunden hatte mir eine sehr lehrreiche – ja fast schon philosophische – Ratschlag gegeben, den ich wirklich jedem/jeder ans Herz legen kann:

    Es ist leichter um Verzeihung zu bitten als um Erlaubnis zu fragen!

  3. Ein sehr interessanter Blogbeitrag, dem ich als zweifacher Gründer nur zustimmen kann! In meinen bisherigen Erfahrungen haben sich insbesondere die beiden ersten Punkte des Blogbeitrags bestätigt:
    Die Fragen „Wer bin ich, was kann ich und vor allem, was kann ich mit diesen Fähigkeiten eigentlich tun?“ sollten die Basis der Gründung sein.
    Die Lücken – die es zwangsläufig immer geben wird – müssen durch die genannten „Partnerschaften“ geschlossen werden. So kann es beispielsweise aus dem geisteswissenschaftlichen oder technischen Bereich kommend nur sinnvoll sein, sich einen Partner ins Boot zu holen, der etwas von Vermarktung und Verkauf in Theorie und Praxis versteht. Prof. Christian Hopp konstatiert in seinem Kommentar zurecht „Für die Umsetzung der Idee bedarf es aber etwas mehr Fähigkeiten“. Hat man diesbezüglich Defizite, sollte man sich nicht scheuen, das Wissen und die Leute einzukaufen! Unterschiedliche Sichtweisen – sollten diese vernünftig genützt werden – führen zu besseren Lösungen. So kann auch das Maß an Unsicherheit auf ein kalkulierbares Risiko gesenkt und somit die Erfolgschance erhöht werden.

  4. Sehr geehrter Herr Hopp,

    ein sehr interessanter Artikel! Ich kann Ihnen in allen ihren Punkten nur zustimmen, doch fehlt da nicht ein entscheidender Punkt?

    Ich kann die Rolle vorhandenen Kapitals nicht finden. Trifft es nicht zu, dass alle von Ihnen beschriebenen Punkte erst mit einem ausreichenden Kapital ihre Durchschlagskraft entfalten könnten? Auch der kleinste Gründer braucht Geld, um beispielsweise eine Webseite umsetzen zu können, geschweige denn Projekte, die ohne höhere Geldinvestitionen gar nicht erst möglich wären. Ich denke da z.B. an den Bereich von Internetcommunities wie Chefkoch oder an Onlineshops wie Zalando, die komplexe und aufwändige Programmierungen erfordern und letztere recht hohe Werbe- und Logistikausgaben vermuten lassen.

    Kurz gesagt: Die Rolle eines Investors könnte mindestens genau so wichtig sein, um als Gründer erfolgreich zu sein? Wie kann ich also die Punkte Kapital und Unternehmenserfolg zusammenhängend betrachten? Gibt es da eine Korrelation bzw. aussagekräftige Studien?

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