Christian Roppelt

Framing: Der Kampf um die Deutungshoheit. Ein rhetorischer Blick auf die Enthüllungen Edward Snowdens

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Schaut man auf die zurückliegenden Diskussionen um die NSA-Enthüllungen Edward Snowdens fällt auf, dass sprachliche Bilder eine wichtige Rolle im Kampf um die Deutungshoheit der Meinungen spielen. Gerade mit Blick auf die ambivalenten Deutungen seiner Rolle als „Verräter“ oder „Held“  lohnt sich ein kurzer Blick auf die Idee des framing, das eine Einbettung oder Etikettierung kommunikativer Botschaften oder Sachverhalte in subjektive Deutungsrahmen beschreibt.

Nach dem antiken Philosophen und Rhetoriktheoretiker Aristoteles stellt  framing eine Methode dar, einen Sachverhalt  in einem gewünschten Sinne erscheinen zu lassen. Durch ein framing, wird dem eigentlichen Nomen wie ein Namensschildchen ein anderes, fremdes Nomen angehängt. Es findet also eine Verfremdung der ursprünglichen Bedeutung statt.

Der Kampf um die Deutungshoheit und das rhetorische Anschlussprinzip
Der Rhetoriker und Philosoph Joseph Kopperschmidt betont, dass wir als Menschen keinen direkten Zugang zur Welt hätten, sondern wir uns unsere Welt erst durch Meinungen schaffen, die wir über die Welt formulieren. Daraus folge dann, dass die Welt in dem Maße veränderbar sei, wie sich unsere Meinungen über die Welt verändern. Ein Zitat von Gustav Gerber konkretisiert diesen Gedanken indem er anmerkt: “nicht die Dinge treten ins Bewußtsein, sondern die Art, wie wir zu ihnen stehen“ oder mit Nietzsche gesagt „nicht die Tatsachen sondern die Meinungen über die Tatsachen bestimmen unser Zusammenleben“

Der Weg zur Deutungshoheit der eigenen Meinung geht aber nur über die Zustimmung der Zielgruppe die man erreichen möchte. Man muss wissen, wie die Zielgruppe zu den Dingen steht, wenn man die Sicht darauf verändern möchte. Diesen Weg nennt sich rhetorisches Anschlussprinzip, welches die Orientierung an den Meinungen der Zielgruppe empfiehlt, um in einem Überzeugungsprozess erfolgreich agieren zu können.

Deutungshoheit durch framing im Fall Edward Snowden
Am Beispiel der Snowdenaffäre kann man die Strategie des framing gut beobachten. Snowden hat die gigantischen Internet-Überwachungsprogramme der Amerikaner und Briten öffentlich gemacht. Ein Teil der amerikanischen Öffentlichkeit – insbesondere die Regierungskreise – sprechen in diesem Zusammenhang naturgemäß von  „Spionage“ und „Verrat“. Hier wird argumentiert, dass Edward Snowden gegen das Anti-Spionagegesetz verstoßen habe, das bei Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 verabschiedet wurde. Snowden wird somit das Etikett eines Menschen angehängt, der dem eigenen Land großen Schaden zugefügt habe. Entscheidend wird es nun für die Anhänger dieser Position sein, die Öffentlichkeit von dieser Meinung zu überzeugen.

Was tun gegen ein negatives framing?
Prinzipiell kann sich Edward Snowden von diesem ungünstigen Etikett wieder lösen und dieses durch ein anderes ersetzen, also reframen. Von seinen Verteidigern wird Snowden deswegen auch zurecht als „Whistleblower“ bezeichnet, was auf dem „Whistleblower Protection Act“ von 1989 zurückgeht. Dem Gesetz zufolge kann eine Person wichtige Informationen über staatliche Institutionen oder Organisationen an die Öffentlichkeit bringen, sofern diese gesetzeswidrige Gegebenheiten aufdecken.  Die Watergate-Affäre war das prominenteste Beispiel für eine derartige Enthüllung. In diesem Falle ist Edward Snowden ein „Held“, der mit dem Einsatz seiner Freiheit auf Missstände aufmerksam machen möchte.

Fazit
Auch wenn die Fragestellung rechtliche Züge trägt, bleibt festzuhalten: Hier wird das framing von beiden Seiten als ein Instrument im kommunikativen Prozess angewendet, um eine bestimmte Meinung in eine gewünschte Richtung zu lenken. Beide Lager werden versuchen, der öffentlichen Meinung ein bestimmtes Etikett zu verkaufen. Die Wirkung der Bilder „Verräter“ oder „Held“ sind deswegen so stark, weil sie mit wenigen Details und Fakten auskommen und die Botschaft somit schnell an die Zustimmung der Zuhören angeschlossen werden kann.

Das Schicksal Edward Snowdens wird vor allem davon abhängen, welche der möglichen Deutungen in der Öffentlichkeit die rhetorische Oberhand gewinnen werden.

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Christian Roppelt

Autor: Christian Roppelt

Studierte in Tübingen Allgemeine Rhetorik, Philosophie und Volkswirtschaftslehre. Promoviert zu dem Thema Verhandlungsrhetorik.

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